22. Mai 2018

Rechte Gewalt, zivilgesellschaftliche Aktivitäten und reflektierte Gemeindearbeit

Spannende Diskussionen beim „Forum für demokratische Debatte“ während des Katholikentags. 

„Suche Frieden“ lautete der Leitspruch des diesjährigen Katholikentages in Münster. Doch um diesem „nachzujagen“ (so heißt es im entsprechenden Psalm) braucht es auch die Auseinandersetzung mit Phänomenen und Akteuren, die den Frieden bedrohen. Zum „Forum für demokratische Debatte“ luden daher die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus im Regierungsbezirk Münster (mobim) gemeinsam mit der Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche + Rechtsextremismus (BAG K+R), dem Bundesverband Mobile Beratung e.V. (BMB) und der Mobilen Beratung in NRW während des Katholikentags in die Villa ten Hompel ein. Neben vielen Begegnungen und Gesprächen während der vier Tage, unter anderem auch auf der Kirchenmeile an den Ständen von BAG K+R und der von der evangelischen Kirche getragenen Mobilen Beratung im Regierungsbezirk Arnsberg, wurde vor allem bei den drei zentralen Veranstaltungen kontrovers diskutiert – über Rassismus und andere extrem rechten Denkmuster und Handlungsweisen, über rechtspopulistischer Agitation und rechte Gewalt, aber auch über die Zivilgesellschaft als Raum für klare Positionierungen, Engagement und Reflexion.

FDD_1Unter dem Titel „Von Solingen nach Freital“ debattierten Anne Broden (l., ehemalige Projektleiterin von IDA-NRW und heute freie Bildungsreferentin), Petra Schickert (r., Mobile Beraterin beim Kulturbüro Sachsen) und Serce Öznarcicegi (2.v.l., Trainerin beim NDC, Bund der Alevitischen Jugendlichen in Deutschland und Aktivistin) die Dimensionen und die Bedeutung rechter Gewalt in Deutschland. Die Referentinnen gaben aus ihrer jeweils ost- und westdeutsch geprägten Perspektive einen Einblick in die Auseinandersetzung mit rechter Gewalt Anfang der 1990er Jahre vor dem Hintergrund der rassistischen Grundstimmung in jenen Jahren. Mit Blick auf das „hier und heute“ diskutierte das Podium über die Notwendigkeit kritischer Selbstreflexion angesichts der Anerkennung von Rassismus als gesellschaftliche Realität. Denn rechte Gewalt und Diskriminierung gehen Hand in Hand mit institutionellem, strukturellem und alltäglichem Rassismus in der deutschen Gesellschaft.

FDD_3„Zwischen Konflikt und Konsens. Zivilgesellschaft und Polizei im Dialog“ war das Thema am Freitagnachmittag. Martin Becher (2.v.r., Geschäftsführer des bayerischen Bündnis für Toleranz) moderierte das Podium, bei dem zunächst Kristin Harney (2.v.l., Zentrum für Demokratische Bildung, Wolfsburg) aus Sicht der zivilgesellschaftlich gegen Rassismus und Rechtsextremismus Engagierten ihre Problemwahrnehmungen in der Auseinandersetzung zwischen Polizei und Zivilgesellschaft, sowie Wünsche für einen Dialog formulierte. Udo Behrendes (r., Polizeidirektor a.D.) und Uwe Jordan (l., Leiter der Polizeiinspektion Verden/Osterholz) schilderten wiederum ihre polizeiliche Perspektive: beispielsweise auf rechte Aufmärsche und Veranstaltungen und die zivilgesellschaftlichen Gegenaktionen. Auch aus Sicht der Polizei könne der Dialog mit der Zivilgesellschaft für beide Seiten lehrreich sein und durch das Schaffen gegenseitigen Verständnisses helfen, Konflikte zu entschärfen. Die ganz konkrete Möglichkeit zum Dialog, die diese Veranstaltung bot, wurde auch schnell vom Publikum für Fragen und rege Diskussionen genutzt – über unterschiedliche Sichtweisen auf legale oder legitime Protestformen, über Ideen, wie ein Austausch praktisch aussehen könnte oder über Transparenz bei der Polizei.

FDD_4Den Abschluss des „Forums für demokratische Debatte“ bildete ein Vortrag mit Sonja A. Strube, katholische Theologin an der Universität Osnabrück. Sie warf in ihrem Beitrag eine konkrete Frage auf: Inwiefern können häufig traditionell geprägte, christliche Familienbilder als „Einflugschneise“ für die extreme Rechte dienen und welche Auswirkungen hat das auf das Selbstverständnis der Kirche und das Zusammenleben in den Gemeinden? Denn das Feindbild „Gender“ und eine fundamentale Kritik an der Idee der Gleichheit von Männern und Frauen, mit allen Konsequenzen für die jeweils zugeschriebenen Geschlechterrollen, ist eines der zentralen Standbeine extrem rechter Argumentation und Agitation. Ein Festhalten an konservativen Familien- und Rollenbildern könne hier durchaus Anknüpfungspunkte bieten – darüber waren sich auch die Gäste im Publikum einig, die im Nachgang eine diffuse „Angst“ – etwa vor dem Auflösen tradierter Strukturen und Orientierungen – als Ausgangspunkt für rechte Einstellungen, die sich auch in Gemeinden niederschlagen können.

Im Rahmen des Katholikentag-Programms unterstützte mobim zudem die Katholische Hochschulgemeinde mit einem Workshop zur Frage „Mit Rechten streiten?“, in dem engagierte Christ_innen ihre Perspektiven auf Dialogbereitschaft und gesellschaftliche Herausforderungen austauschen und konkrete Handlungsoptionen erarbeiten konnten. Hier wurde ähnlich wie bei den drei zentralen Veranstaltungen klar: wer Frieden sucht, muss sich auseinandersetzen. Wer sich auseinandersetzen will, wer demokratisch debattieren möchte, tut dies auf der Basis unverhandelbarer Prinzipien wie Menschenrecht und -würde. Wer die Debatte aber nur instrumentalisiert, um diese Werte und die demokratische Debatte an sich anzugreifen, der grenzt sich selbst aus.

Wir danken allen Gästen, Referent_innen und Helfer_innen für vier spannende und ereignisreiche Tage. Eine ausführliche Dokumentation der Veranstaltung „Von Solingen nach Freital“ bereiten wir gerade zur Veröffentlichung vor.

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