4. November 2021

10 Jahre NSU-Selbstenttarnung: Zivilgesellschaftliche Initiativen im Überblick

Am 4. November 2011 enttarnte sich der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU). Dem Terrornetzwerk werden zehn rassistische Morde, mehrere Mordversuche sowie Sprengstoffanschläge und Raubüberfälle zugerechnet. Der NSU-Komplex zählt zu den größten Skandalen der Nachkriegszeit. Und doch sind heute – zehn Jahre nach der Selbstenttarnung – viele Fragen offen. So ist weiterhin unklar, nach welchen Kriterien der NSU die Opfer ausgewählt hat und wie groß das Netzwerk war, das Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe bei ihren Taten unterstützt hat.

In den vergangenen Jahren haben sich zahlreiche zivilgesellschaftliche Initiativen und Bündnisse gegründet, die zum NSU-Komplex arbeiten. Sie leisten einen unverzichtbaren Beitrag zur Aufklärung der Morde sowie zum Gedenken an die Opfer. Nachfolgend stellen wir einige dieser Initiativen vor. Zudem finden Sie weiter unten Veranstaltungen und Publikationen, die Mobile Beratungsteams anlässlich des zehnten Jahrestags der NSU-Selbstenttarnung (mit-)initiiert haben.

Die nachfolgende Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Bei Hinweisen auf weitere Initiativen schreiben Sie uns gern eine E-Mail an kontakt@bundesverband-mobile-beratung.de. Vielen Dank.


Zivilgesellschaftliche Initiativen zum NSU-Komplex

NSU-Watch

NSU-Watch ist ein Bündnis von antifaschistischen und antirassistischen (Recherche-)Gruppen und Einzelpersonen, die den Münchener NSU-Prozess beobachtet und detaillierte Protokolle zu den Verhandlungstagen veröffentlicht haben. Bis heute stellt NSU-Watch Recherchen und Analysen zur neonazistischen Szene zur Verfügung – etwa zum Prozess gegen Franco A. Neben dem bundesweiten Bündnis gibt es auch Landesgruppen von NSU-Watch: in Sachsen, Brandenburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. Auf den Websites finden sich landesspezifische Informationen zum NSU-Komplex sowie Berichte zu den parlamentarischen Untersuchungsausschüssen auf Landesebene.

Kein Schlussstrich!

Kein Schlussstrich!“ ist ein Zusammenschluss von Theatern und Institutionen aus 15 Städten, die mit Inszenierungen, Ausstellungen und Konzerten zum NSU-Komplex die Perspektiven der Betroffenen in den Fokus rücken wollen. Anlässlich des 10. Jahrestags der NSU-Selbstenttarnung lädt das Projekt zu einer bundesweiten Veranstaltungsreihe ein.

Bremer Bündnis Kein-Schlussstrich

Auch das Bremer Bündnis „Kein-Schlussstrich“ setzt sich für das Gedenken an die Mordopfer des NSU ein und lädt im November und Dezember zu zwei Filmvorführungen ein: Am 15. November läuft „Der Kuaför aus der Keupstraße“, am 13. Dezember „Spuren – Die Opfer des NSU“. Im Anschluss an die Filme finden Publikumsgespräche mit Gästen aus Köln und Hanau statt. Der Film „Spuren – Die Opfer des NSU“ wird am 5. November auch in Erfurt gezeigt – im Rahmen des „Antifaschistischen und antirassistischen Ratschlags Thüringen“.

Offener Prozess

Das Projekt „Offener Prozess“ entwickelt Formate zur Aufarbeitung der NSU-Verbrechen in Sachsen – mit dem Ziel, das komplexe Thema für ein breites Publikum verständlich aufzubereiten. Dazu gehören Lehrmaterialien, die das Thema NSU dauerhaft im Schulunterricht integrieren sollen. Zudem hat das Projekt eine Ausstellung entwickelt, die die Geschichte des NSU-Komplexes aus Sicht der Betroffenen von Rassismus und rechter Gewalt erzählt. Aktuell ist die Ausstellung in Chemnitz und Berlin zu sehen. 2025 soll daraus ein Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex entstehen.

Köfte Kosher

Köfte Kosher“ ist ein temporär gefördertes Bildungsprojekt in Bremen, das Betroffenen von rechter Gewalt eine Stimme geben will. In den ersten zwei Förderphasen haben Jugendliche einen „Gedenkpavillon“ erstellt: mit Porträtbildern und Kurzbiografien von zwölf Menschen, die durch rechte Gewalt ums Leben gekommen sind – darunter auch Opfer des NSU. Eine dritte Förderphase des Projekts läuft gerade an.

Initiative „Keupstraße ist überall“

2004 verübte der NSU einen Nagelbombenanschlag in der Keupstraße, der zentralen Geschäfts- und Ladenstraße der türkischen Community in Köln. Mehrere Menschen wurden schwer verletzt, nur durch Zufall kam niemand ums Leben. 2013 gründeten Anwohner*innen der Keupstraße und Unterstützer*innen die Initiative „Keupstraße ist überall“. Sie will Betroffenen des Anschlags den Rücken stärken und hat während des NSU-Prozesses in München regelmäßig Aktionen initiiert, um die Nebenkläger*innen zu unterstützen. Auf ihrer Website kündigt die Initiative weiterhin Veranstaltungen und Publikationen zum NSU-Komplex an.

NSU-Denkmal in Köln

In Köln soll bald ein Denkmal stehen, das an die Sprengstoffanschläge des NSU in der Keupstraße und Probsteigasse erinnert. Entwickelt wurde es vom Berliner Künstler Ulf Aminde in Zusammenarbeit mit Bewohner*innen der Keupstraße. Geplant ist eine Bodenplatte aus Beton, die genauso groß ist wie der Grundriss des Hauses, vor dem 2004 die Bombe explodierte. Mithilfe einer App sollen die Besucher*innen virtuelle Wände mit Videos sehen können, in denen Menschen von ihren Erfahrungen mit Rassismus berichten. Eigentlich sollte das Denkmal schon fertig sein, doch es gab Konflikte wegen des genauen Standorts. Diese sind nun behoben, die Umsetzung dürfte daher bald beginnen.

Initiative 6. April

In der „Initiative 6. April“ sind Menschen aus Kassel vernetzt, die sich mit den NSU-Morden, ihren Voraussetzungen und Folgen auseinandersetzen. Im Fokus steht der Mord an Halit Yozgat in Kassel am 6. April 2006. Dazu organisiert die Initiative regelmäßig Gedenkveranstaltungen.

Initiative „Nachgefragt“

Als Halit Yozgat 2006 vom NSU erschossen wurde, war Andreas Temme – damals Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes – in der Nähe. Der Fall wirft eine Reihe von Fragen auf, die bis heute größtenteils unbeantwortet sind. Die Kasseler Initiative „Nachgefragt“ will die Aufklärung voranbringen und die Erinnerung an die NSU-Morde wachhalten. Kontakt: initiativenachgefragt@gmx.de

Tag der Solidarität

Jedes Jahr um den 4. April herum organisiert ein Bündnis aus Vereinen, Parteien und Initiativen den „Tag der Solidarität“ in Dortmund. Mit Kundgebungen und anderen Veranstaltungen erinnern sie an Mehmet Kubaşık, der am 4. April 2006 vom NSU ermordet wurde, sowie an alle anderen Opfer des Terrornetzwerks.


Veranstaltungen und Publikationen der Mobilen Beratungsteams

Online-Lesung: „Migrantische Stimmen zu Rassismus, rassistischer Gewalt und Gegenwehr“ / 16. November 2021, 19-21 Uhr

Was bedeuten die Taten des NSU für Menschen, die von Rassismus betroffen sind? Welche Konsequenzen müssen daraus gezogen werden – gesellschaftspolitisch, aber auch im Alltag von Behörden, Schulen, Vereinen und Verbänden? Und wie kann eine erfolgreiche Gegenwehr gegen Rassismus und rassistische Gewalt aussehen? Diesen und weiteren Fragen widmet sich eine Online-Veranstaltung der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in NRW. Nach einer Lesung aus dem Sammelband „Damit wir atmen können – Migrantische Stimmen zu Rassismus, rassistischer Gewalt und Gegenwehr“ findet eine Podiumsdiskussion mit den (Mit-)Herausgeber*innen und (Mit-)Autor*innen statt. Die Veranstaltung wird per Livestream auf YouTube übertragen, die Teilnahme ist kostenfrei. Eine Anmeldung ist nicht nötig.

Publikation: „10 Jahre NSU Selbstenttarnung in Zwickau. Eine Bestandsaufnahme der RAA Sachsen und des Kulturbüro Sachsen“

Was hat sich seit der NSU-Selbstenttarnung in Zwickau getan – der Stadt, in der das NSU-Kerntrio über Jahre unbemerkt leben konnte und von wo es Morde und Bombenanschläge plante und durchführte? Wie steht es um ein angemessenes Gedenken an die NSU-Opfer? Und wie geht die Stadt mit Betroffenen von rechter Gewalt um? Die Mobile Beratung des Kulturbüro Sachsen und die Opferberatung „Support“ des RAA Sachsen e.V. haben dazu einen 4-seitigen Text veröffentlicht.

Online-Fachtag: „Auf den Spuren des NSU? Rechter Terror, Militanz und seine Folgen“ / 30. Oktober 2021, 10-14 Uhr

Auch in Niedersachsen blieb die Aufarbeitung des NSU-Komplexes seitens der Behörden und Politik weitgehend aus. Lediglich Fachjournalist*innen, Nebenklagevertreter*innen, Überlebende und zivilgesellschaftliche Initiativen lieferten wertvolle Beiträge, die zur Aufklärung beitrugen. Wie ist die Situation in Bezug auf rechten Terror und Militanz in Niedersachsen heute? Welche Auswirkungen haben rechtsterroristische Anschläge auf die Gesellschaft? Und wie können Betroffene rechter Gewalt solidarisch gestärkt werden? Darüber diskutierten Expert*innen kürzlich bei einem Online-Fachtag der Mobilen Beratung und der Betroffenenberatung Niedersachsen. Geladen waren u.a. die Journalistin Andrea Röpke und der Historiker Michael Sturm.

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