14. Mai 2022

Rückzug ins Hinterzimmer – RechtsRock 2021 in Thüringen im zweiten Jahr der Corona-Pandemie

Veröffentlicht von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in Thüringen (MOBIT e.V.)

Mann mit einem T-Shirt, auf dem steht: "Eines Tages werden sie sich wünschen, wir würden nur Musik machen."

Die Auswirkungen pandemiebedingter Einschränkungen zeigten sich auch 2021 in der Thüringer RechtsRock-Szene. Die Anzahl von 14 extrem rechten Musikveranstaltungen in 2021 in Thüringen bewegt sich auf ähnlich niedrigem Niveau wie 2020. Online-Konzerte setzten sich wie erwartet nicht durch. Eine Neuauflage der MOBIT-RechtsRock-Broschüre und eine bundesweite RechtsRock-Tagung im Mai 2022 in Thüringen ziehen Bilanz der vergangenen Jahre und fokussieren aktuelle Entwicklungen der Szene.

In Thüringen, einem Kernland der neonazistischen Musik-Szene in Deutschland, konnte in den Jahren vor der Pandemie nahezu mehr als ein RechtsRock-Konzert pro Woche besucht werden (2018: 71 Konzerte, 2019: 65 Konzerte). Neben beharrlichem Engagement zivilgesellschaftlicher Gruppen speziell RechtsRock-Großveranstaltungen in Thüringen mit konsequenter Gegenwehr zu begegnen, führten vor allem die ab Frühjahr 2020 einsetzenden Schutzmaßnahmen rund um die Corona-Pandemie zu einer deutlichen verringerten Zahl von 20 RechtsRock-Konzerten in Thüringen in 2020.

In 2021, dem zweiten Jahr der pandemiebedingten Einschränkungen, zählte MOBIT 14 RechtsRock-Konzerte. Musikveranstaltungen wurden angesichts der Einschränkungen allen gesellschaftlichen Lebens in einem sehr kleinen Rahmen und weniger öffentlich durchgeführt. Der Großteil extrem rechter Musikveranstaltungen 2021 nahmen erneut Balladen- und Liederabende ein. Mindestens 10 dieser Events fanden im zurückliegenden Jahr in Thüringen statt. Protagonisten der altbekannten Bands nutzen vermeintlich harmlos klingendere Unplugged-Konzerte zur Vermittlung menschenverachtender rechter Ideologie. Das Potential zum Aufbau und Pflege neonazistischer Netzwerke kombiniert mit einem geringen Organisationsaufwand für Neonazi-Veranstaltern, lässt Liederabende in Thüringen und bundesweit als dominierende Veranstaltungsart der RechtsRock-Szene erscheinen.

Auflagen der Corona-Schutzmaßnahmen inakzeptabel für Szene-Veranstalter
Im vergangenen Jahr 2021 zählte MOBIT ein „klassisches“ RechtsRock-Konzert in Thüringen im Saale-Holzland-Kreis. In diese Kategorie fallen Veranstaltungen, bei denen eine oder mehrere Bands auftreten. RechtsRock-Veranstalter wie Szene-Musiker*innen ließen verlauten, unter den aktuellen Beschränkungen wie beispielsweise Datenerfassung zur Nachverfolgung der Teilnehmenden, keine Konzerte anbieten zu wollen. Zu groß waren die Bedenken sowohl seitens der Veranstalter als auch der Teilnehmenden einer untersagten Menschenansammlung, mit empfindlichen Geldstrafen als Folge einer begangenen Ordnungswidrigkeit konfrontiert sein zu können.

Neben RechtsRock-Konzerten und Liederabenden dokumentiert MOBIT als „sonstige Musikveranstaltungen“ musikalische Darbietungen im Rahmen von Vortragsabenden, Parteitagen oder geschichtsrevisionistischen Gedenkveranstaltungen. Lediglich bei zwei Veranstaltungen im Jahr 2021 wurden durch musikalische Beiträge Ideologie vermittelt und Gemeinschaftsgefühl verstärkt. Neben einer Wahlkampfveranstaltung der NPD in Sonneberg zählte MOBIT eine Gedenkveranstaltung des ortsansässigen Neonazi-Funktionärs Tommy Frenck im Landkreis Hildburghausen mit einem Auftritt des thüringischen Neonazi-Liedermachers Axel Schlimper. Jahrestreffen von extrem rechten Vereinen oder Landesparteitage, bei denen häufig Konzerte das Abendprogramm darstellten, bildeten in 2021 keinen Anlass zur Zählung.

Wie erwartet setzte sich der Versuch RechtsRock-Konzerte als Online-Veranstaltungen anzubieten nicht durch. Für 2021 dokumentierte MOBIT lediglich ein Online-Konzert des Thüringer Balladen-Duos Zeitnah aufgenommen in Thüringen. Online-Konzerte scheinen jedoch nach knapp zwei Jahren Pandemieerfahrung keinen ausreichenden Ersatz bieten zu können. Es fehlt der tatsächliche Raum, um extrem rechten Lifestyle identitätsstiftend zu pflegen und sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Zudem gibt es bei Online-Konzerten keine Einnahmen durch Eintrittszahlungen und den Verkauf von Merchandise-Artikeln.

Musikveranstaltungen in szeneeigenen Immobilien und an improvisierten Veranstaltungsorten

Veranstaltungsorte der Konzerte in 2021 waren häufig die bekannten Thüringer Immobilien der extrem rechten Szene. Hier ist beispielsweise das „Flieder Volkshaus“, die Geschäftsstelle des NPD-Landesverbands Thüringen in Eisenach und das Schulungszentrum und Sitz des geschichtsrevisionistischen Vereins „Gedächtnisstätte e.V.“ im Landkreis Sömmerda zu nennen.
Angesichts der Einschränkungen der Corona-Pandemie für Veranstaltungen jeglicher Art beobachtete MOBIT den Rückgriff der Szene auf Strategien früherer Jahre und die Nutzung von unbekannten improvisierten Auftrittsorten wie einem Campingplatz, Gartengrundstücken oder einem Garagenkomplex für RechtsRock-Veranstaltungen. Angesichts der Nutzung von abgeschirmten Privatgrundstücken für Konzerte lässt sich eine gewisse Dunkelziffer für nicht durch MOBIT erfasste RechtsRock-Konzerte in 2021 annehmen.

RechtsRock-Aktivitäten abseits von Konzerten

Abseits von RechtsRock-Konzerten wurde 2021 rege für den hiesigen Markt produziert. Extrem rechte Bands wie beispielsweise „12 Golden Years“ aus dem Weimarer Land nutzten das Jahr um eine neue Platte aufzunehmen. RechtsRock-Unternehmer boten Neuauflagen von in der Szene erfolgreichen Tonträgern zum Verkauf. Mit Grußbotschaften auf den Kanälen sozialer Medien wurden Fans auf Konzerte in der Zukunft und ohne Hygienemaßnahmen vertröstet.
Der Zuzug von zwei bundesweit bedeutenden Musikern der extremen Rechten nach Thüringen und die Verlegung von vier neonazistischen Musikvertrieben im Jahre 2021 dürften das „RechtsRock-Land Thüringen“ leider weiter stärken. Neben Marco Bartsch, Solo-Musiker und Kopf der Band Sleipnir, zog es den Rechtsrapper Julian Fritsch alias MaKss Damage von Nordrhein-Westfalen nach Thüringen. Die Geschäftsadresse des Versandhandels Das Zeughaus befindet sich nunmehr in Apolda bei Neonazi Fabian Kellermann. Die Musiklabel Gjallarhorn-Klangschmiede, Wewelsburg Records und Front Records werden aus dem nordthüringischen Artern durch den Neu-Thüringer Nils Budig betrieben. Budig steht dem internationalen Netzwerk der Hammerskins nahe, das die extrem rechte Musikszene nicht unerheblich prägt.

Ausblick

Langjährig bestehende Netzwerke der extreme Rechten, umfangreiche Erfahrungen von Neonazi-Kadern in der Organisation von Konzerten und der uneingeschränkte Zugriff auf für Musikveranstaltungen nutzbare Szeneimmobilien lassen auch in 2022 Konzerte im übersichtlichen Umfang in Thüringen erwarten. Konzerte als Szenetreffs und Vernetzungsorte, als Markt für Tonträger und Bandtextilien und vor allem als Selbstvergewisserungsorte bleiben auf absehbare Zeit ein unverzichtbarer Teil der extrem rechten Lebenswelt. Positiv kann bewertet werden, dass RechtsRock-Konzertveranstalter bislang Großveranstaltungen szeneintern mit der Begründung behördlicher Pandemie-Beschränkungen für das Jahr 2022 ausgeschlossen haben. Die Misserfolge für Veranstalter und Besucher*innen mit diesen Formaten in 2018 und 2019 angesichts zivilgesellschaftlichen Widerspruchs und restriktiven behördlichen Auftretens, dürften in die Entscheidung ebenfalls mit eingeflossen sein. MOBIT geht davon aus, dass man bei der Summe aller denkbaren Auflagen und Einschränkungen schlicht die Attraktivität solcher Formate schwinden sieht. Dazu kommt ein nicht unerhebliches geschäftliches Risiko bei Misserfolgen.

Neuauflage Broschüre „RechtsRock in Thüringen“ und bundesweite Tagung
Als Ergebnis kontinuierlichen Monitorings der Szeneaktivitäten im „RechtsRockland Thüringen“ seit dem Jahr 2007, wird MOBIT noch in diesem Jahr eine aktualisierte und überarbeitete Broschüre zu dem Thema veröffentlichen. Zudem findet vom 23.05. bis 24.05. 2022 die bundesweite Tagung „Die Letzten von gestern? 40 Jahre RechtsRock – Bilanz & Ausblick“ in Kooperation der Bundes- und Thüringer Landeszentrale für politische Bildung und dem Moses Mendelsohn Zentrum Potsdam gemeinsam mit MOBIT im Mai 2022 im thüringischen Neudietendorf statt. Eine Anmeldung ist noch bis 15.05. 2022 auf der Tagungsseite möglich https://www.bpb.de/veranstaltungen/veranstaltungskalender/506615/die-letzten-von-gestern/ Schlagwörterextreme Rechte

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